Jetzt ist die Tante wieder da. Ein paar Fehler mussten noch ausgebessert werden. Viel Spaß
Der Besuch der alten Dame – oder: Zum Tee bei Tante Liechtenstein
Der Autor dieses Artikels hat nach längerer Zeit in der Seniorenresidenz „Zum grünen Kranze“ die greise Tante Liechtenstein besucht, und die Chance genutzt, um ein Gespräch mit ihr zu führen.
Autor: Liebe Tante Liechtenstein, es freut mich, dass du dir heute Zeit genommen hast! Ich wollte dich zuallererst fragen: Wie geht es dir momentan?
Tante Liechtenstein: Na ja, es ist nicht einfach. Ich bin momentan... verkühlt. Ein bisserl Husten und Kutzen halt. Aber man lebt. S' ist ja ganz normal bei diesem Wetter (lächelt). Aber trotz allem fühl ich mich fast schon jugendlich!
A: Liebe Tante, wir kennen uns ja doch schon seit einiger Zeit, und du feierst ja bald deinen 90. Geburtstag.
T: Ja, das ist richtig, ja. 90 Jahre. (längere Pause)
A: November 1919
T: Sehr richtig, November 1919... Das war schon eine ganz andere Zeit. Das könnt ihr Jungen euch ja gar nicht vorstellen.
A: Und wie hast du diese langen Jahre Überstanden? Es gab doch sicher Höhen und Tiefen? Ich erinnere mich, du bist von 1938 bis 1957 im Koma gelegen! Das waren lange Jahre.
T: Ja, es war nicht einfach. Es war wirklich nicht einfach!
A: Du bist – Gott sei Dank! – wieder gesund geworden. Ich habe erst neulich in deinen alten Tagebüchern gelesen, dass es eine große Feier gab, als du 1957 wieder aufgewacht bist? Es waren ja, wie du erzählt hast, viele Kinder und Verwandte, besonders deine Mutter ist dir sehr beigestanden...
T: Ja, was soll man groß sagen. Es war halt – ganz anders. Aber es ging mir damals wirklich sehr gut! Ich kann mich ja nicht beschweren! Aber dankbar war'ma
A: Inwiefern?
T: Es ging mir wirklich gut, ich war natürlich durch das lange Koma etwas ramponiert, (lacht) , aber es war ein Elan da, da war eine Energie, mein Lieber! Ich hab ja wirklich viel gemacht, und ich muss sagen es war eine wirklich schöne Zeit. Ich darf mich ja wirklich nicht beschweren. Dankbar war'ma!
A: Es ging dir dann auch längere Zeit gut, wenn ich mich richtig erinnere? Natürlich gab’s auch schlechtere Zeiten, geburtenschwache Jahrgänge, und und und. Du bist dann auch relativ hoch betagt noch einmal umgezogen...
T: Ach, die Oelweingasse. DAS war halt noch eine Bude... Ich kann dir’s gar nicht sagen. Aber, die gibt’s ja auch nicht mehr.
A: Und 1984, wenn ich mich richtig erinnere, bist du dann umgezogen in die ...
T: Schaumburgergasse!
A: Wo du bis heute lebst.
T: Ja, das stimmt.
A: Nun, liebe Tante, was hat sich deiner Meinung nach in den 52 Jahren die du wieder aufgewacht bist verändert?
T: Ja, mein Junge... Was soll ich dir sagen. Weißt du, wenn man älter wird, dann ändert sich vieles....
A: Inwiefern, liebe Tante?
T: Na ja, weißt du... In letzter Zeit hatte ich mit der Gesundheit ziemlich zu tun, vor einem Jahr wäre ich daran auch fast gestorben. Aber Gott sei Dank geht es mir jetzt schon wieder besser.
A: Das freut mich sehr. Du schaust ja blendend aus, für dein Alter! Du hast viele Füchse, ein kompetentes Ärzte-Team, engagierte Pfleger, du bekommst die modernsten Medikamente...
T: Natürlich, ich schau g’sund aus, und ich halt auch viel drauf: Ich schminke mich täglich, ich nehm meine dritten Zähne, ich trag immer Schmuck... Na ja, um ehrlich zu sein ist es nur noch ein Modeschmuck, aber der tut’s auch (lächelt). Also kurzum, ich schau ja gut aus. Und besonders nach so einer schweren Zeit ist es gut, jetzt wieder gestärkt in ein neues Lebensjahrzehnt zu gehen.
A: Und du fühlst dich jetzt wieder fit genug für deinen 90er?
T: Ja, natürlich! Ich hab jetzt wieder ein tolles Chargencabinett! Meine Ärzte sind auch sehr bemüht, die tun sehr viel. Vom Oberarzt bis zu den einfachen Krankenpflegern unterstützen mich alle soweit sie können.
A: Willst du dich garnicht ein bisschen ausruhen und die Dinge langsamer angehen? Immerhin empfängst du ja jede Woche Besuch.
T: Ja, und ich mach’s ja auch gern, es sind ja wirklich gute Veranstaltungen – ich bin ja stolz d’rauf. Wirklich. Ich muss das machen, damit's mir gut geht. Das is' halt mein Sport (lächelt)
T: (holt tief Luft) Weißt was, lieber Junge, jetzt bin ich schon sehr müd. Ich dank dir sehr dass du mich wieder einmal besucht hast. Ich freu mich schon sehr auf meinen Geburtstag, und ich hoffe ich bleib euch noch viele, viele Jahre erhalten! Komm bald wieder. Also, grüß dich, baba!